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Wenn das Leben Rissen bekommt

Unser Leben verläuft selten ohne Brüche. Krisen, Enttäuschungen oder Verluste hinterlassen Spuren – manchmal wie Risse in einem Gefäß. Oft versuchen wir, solche Brüche zu verbergen oder schnell zu reparieren. Doch die Bibel spricht überraschend offen von der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens. Der Apostel Paulus beschreibt uns als „zerbrechliche Gefäße“ (1. Korinther 4, 7-9)  – und gerade in ihnen sieht er einen kostbaren Schatz. Diese Predigt geht der Frage nach, was geschieht, wenn das Leben Risse bekommt – und wie gerade dort Hoffnung wachsen kann.

Predigt am 15. März 2026, Autor: Tadeusz Prokop

Eine zerbrochene Schale
Vor einigen Jahren habe ich einmal ein Geschenk bekommen: eine Müslischale.. Eine besondere Schale. Schwarz-gelb. Eine Borussia-Dortmund-Schale.

Ich habe sie hin und wieder – vor allem am Sonntag – zum Frühstück verwendet.
Und eines Tages ist sie heruntergefallen. Die Schale war zerbrochen.

Weil mir der Verlust schwerfiel, habe ich sie wieder zusammengeklebt. Für Müsli war sie danach allerdings nicht mehr brauchbar. Das Risiko war einfach zu groß. Aber ich habe sie trotzdem behalten. Sie stand bei mir im Regal – zwischen anderen Dingen, die mir etwas bedeuten. Und dort sah sie eigentlich ganz schön aus.

Bis zu einem Fußballspiel. Die Schale sollte einen Borussia-Dortmund-Schal halten. Und als ein Tor gefallen ist, habe ich den Schal hochgezogen … und die Schale lag wieder auf dem Boden. Diesmal war nichts mehr zu reparieren.

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Wenn Zerbrochenes wieder zusammengefügt wird – Risse bleiben sichtbar. Quelle: Andrej Lišakov, Unsplash
Dabei gibt es in Japan eine alte Tradition, die mit zerbrochenen Schalen ganz anders umgeht. Sie heißt Kintsugi. Wenn dort eine Schale zerbricht, wird sie nicht einfach weggeworfen. Die Bruchstücke werden wieder zusammengesetzt – aber nicht so, dass die Risse verschwinden. Im Gegenteil: Die Risse werden mit einem Lack repariert, dem Goldstaub beigemischt ist. Am Ende sieht man die Bruchstellen deutlich. Sie glänzen sogar.

Risse im Leben – was bedeuten sie?
Aber wenn wir ehrlich sind, dann klingt das mit dem Gold in den Rissen fast zu schön. Wie eine gut gemeinte Sonntagspredigt. Risse werden doch normalerweise ganz anders erlebt.

Wer von uns würde sagen: Krisen sind etwas Gutes. Brüche sind etwas Schönes.

Wenn im Leben etwas zerbricht, dann entstehen zuerst ganz andere Gefühle.

Angst vor Verlust.
Angst zu versagen.

Manche fragen sich vielleicht:
Was habe ich falsch gemacht?

Und manchmal bleibt ein Gefühl zurück, das viele Menschen gut kennen:
Ich habe versagt. Ich bin nicht so, wie ich sein sollte.

Wir leben in einer Welt, in der Perfektion fast zu einer Lebensregel geworden ist. Das Leben soll gelingen. Beziehungen sollen funktionieren. Karrieren sollen aufgehen.
Und wenn Risse entstehen, dann fühlen sie sich selten nach Gold an. Eher nach Schmerz. Nach Verletzlichkeit. Nach Enttäuschung. Manchmal auch nach Einsamkeit.

Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen
Der Apostel Paulus beschreibt den Menschen einmal mit einem sehr einfachen Bild. Er sagt: Wir sind zerbrechliche Gefäße.

Im antiken Haushalt waren Tongefäße etwas ganz Alltägliches. Wie das Handy bei uns. Fast jeder besaß sie – für Wasser, Öl oder Vorräte. Sie waren meist billig hergestellt und deshalb besonders zerbrechlich.

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„Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen.“ (2. Korinther 4,7), Foto: Yaser Mohaddesi / Unsplash

Auch wenn sich unser Leben seit damals völlig verändert hat, ist dieses Bild bis heute in unserer Sprache lebendig geblieben. Wir sprechen von einer Tonscherbe oder von einem zerbrechlichen Gefäß. Es ist ein Urbild für die menschliche Existenz – für die Zerbrechlichkeit und zugleich für die Kostbarkeit unseres Lebens.

Und doch sagt Paulus etwas Erstaunliches. In diesen zerbrechlichen Gefäßen liegt ein Schatz. Der Schatz ist das Evangelium – die gute Nachricht von Gottes Liebe. Und wenn dieser Schatz unser Leben berührt, entfaltet er eine große Kraft: die Kraft Gottes.

Gottes Kraft zeigt sich also nicht zuerst in der Stärke des Menschen, sondern gerade in seiner Zerbrechlichkeit. Nicht in einem Leben, in dem alles gelingt. Nicht in einem Glauben, der immer nur siegreich wirkt. Paulus sagt etwas anderes. Gerade dort, wo Menschen ihre Grenzen spüren, wo das Leben Risse bekommt, kann Gottes Kraft sichtbar werden.

Vielleicht hilft uns hier noch einmal das Bild aus der japanischen Tradition. Vielleicht ist es ein Bild dafür, dass gerade dort, wo unser Leben Brüche hat, Risse bekommt
Gottes Licht aufscheinen kann – ein Licht, das mehr wert ist als Gold.

Den eigenen Rissen begegnen
Der englische Journalist Leo Hickman, Autor und Experte für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen, hat einmal ein ungewöhnliches Experiment begonnen. In einer Silvesternacht, als viele Menschen über gute Vorsätze für das neue Jahr nachdenken, fasste er einen besonderen Entschluss. Er wollte ein Jahr lang versuchen, ethisch korrekt und umweltbewusst zu leben. Und nun begann er, sein eigenes Leben genauer zu untersuchen.

Woher kommen die Dinge, die ich kaufe?
Wie gehe ich mit Ressourcen um?
Welche Folgen hat mein Lebensstil für andere Menschen?

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Risse im Leben gehören zu unserer Geschichte. Foto: Tim Mossholder, Unsplash

Er stellte vieles infrage. Und am Ende schrieb er: Wer sein Leben so ehrlich betrachtet, steht plötzlich fast nackt da. So heißt auch sein Buch.  Das Buch ist ein Klassiker der modernen Nachhaltigkeitsliteratur und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Wäre es nicht einen Versuch wert, dass wir uns unsere Risse irgendwann einmal anschauen? Es muss nicht die Silvesternacht sein. Sie nicht verdrängen. Nicht überdecken. Sondern wahrnehmen.

Manche Menschen entdecken dann neue Kräfte in sich. Sie lernen, mit Krisen umzugehen. Sie entwickeln eine Widerstandskraft, die sie vorher nicht kannten. Und manchmal wächst daraus sogar der Mut zu einem neuen Anfang. Vielleicht hilft uns hier noch einmal das Bild aus der japanischen Tradition: Brüche nicht nur als Zerstörung zu sehen, sondern auch als Teil unserer Geschichte – als Teil dessen, was uns geprägt hat. Sie gehören zu unserer Biografie. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo wir aufhören, gegen diese Brüche anzukämpfen oder sie zu verdrängen.

Vielleicht ist genau das auch eine Einladung dieser Wochen vor Ostern. Wir befinden uns in der Passionszeit. Es ist keine leichte Zeit im Kirchenjahr. Wir erinnern uns an den Weg Jesu – an sein Leiden und an seinen Tod. Alle reden schon von Ostern. Aber wir sind in der Passionszeit. Diese Zeit lädt uns ein, unser eigenes Leben ein wenig genauer anzusehen. Wo sind die Risse? Wo ist etwas zerbrochen? Wo tragen wir Schuld? Wo sind Beziehungen verletzt worden? Nicht, um uns selbst zu verurteilen. Sondern um ehrlich zu werden. Und vielleicht auch, um Gott zu bitten, dass er sich gerade dieser Stellen annimmt – der Stellen, an denen unser Leben Risse bekommen hat. 

Risse im Leben verschwinden nicht einfach. Aber vielleicht müssen sie auch nicht das letzte Wort haben. Denn es gibt auch Worte davor: Gott, sieh du hin. Und lass dein Licht auch dort aufscheinen.