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Evangelische Pfarrgemeinde Judenburg - Kirche mit Online-Gottesdienst

Sexueller Missbrauch in katholischer Kirche


Die katholische Kirche in Deutschland wird von Skandalen erschüttert. Vor allem die Ordensgemeinschaft der Jesuiten, die seit mehr als 20 Jahren den sexuellen Missbrauch der Schüler an ihren elitären Schulen durch die Lehrer und Ordensmänner, vertuscht hat, gerät unter Beschuss der Kritik.

Das Canisius-Kolleg steht am Rande des Tiergartens im traditionsreichen Berliner Diplomatenviertel. Nicht weniger exklusiv ist das Gymnasium selbst, das zu den besonders renommierten Schulen Europas zählt. Es gehört zum internationalen Verbund der Jesuitenschulen, einer Gemeinschaft von Ordensmännern der katholischen Kirche, die sich seit ihrer Gründung 1541 der humanistischen Bildungsbewegung verpflichtet fühlt. Namensgeber ist der erste deutsche Jesuit Petrus Canisius (1521-1597), der 1925 von Pius XI selig gesprochen wurde.

Unverständnis für das kirchliche Vorgehen
Seit einiger Zeit wird am guten Ruf der Schule erheblich gekratzt. Wobei nicht nur das Renommee der  Schule auf dem Spiel steht, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit. In erster Linie geht es jedoch nicht darum, welche Fakten aus der Vergangenheit noch aufgedeckt werden. Das Interesse der Öffentlichkeit gilt mehr als die Bekanntgabe der Einzelheiten in sexuellen Missbrauchsfällen der Frage, warum die Leiter  des Canisius-Kollegs  und die Provinzbehörde der Jesuiten nichts unternommen haben, obwohl sie  über die Vorfälle Bescheid wussten.

Was ist passiert?
Die Fakten sind inzwischen bekannt: Zwei Lehrer der Schule, Mitglieder des Ordens, haben  Mädchen und Buben über längere Zeit hinweg sexuell missbraucht. Die Vorfälle ereigneten sich zwischen 1975-83. Von mehr als 30 Missbrauchsfällen ist die Rede. Bestätigt wird dies durch die Aussagen der betroffenen Schüler.

Ein Täter bittet um Vergebung
Aber auch die Täter wurden identifiziert. Wolfgang S., heute 65, hat am Berliner Gymnasium bis 1979 Deutsch, Religion und Gymnastik unterrichtet. Danach wurde er an die St. Ansgar- Schule in Hamburg versetzt. Einige ehemalige Schüler dieser staatlich anerkannten Privatschule jesuitischer Tradition warfen ihm ebenfalls Missbrauch vor. Schließlich kam Wolfgang S. an das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Wie erst kürzlich bekannt wurde,  gab es dort in den 80er Jahren  10 bis 20 Missbrauchsfälle.  Der beschuldigte Pater gestand schließlich dem Direktor der Schule alles. Danach ist er nach Chile ausgewandert.  1992 hat er den Orden verlassen.  Wolfgang S. bekennt sich heute schuldig und bittet seine Opfer um Vergebung: „Ich kann meine Tat durch nichts rechtfertigen“, stellt er nüchtern fest.

Weiterer Täter ist sich keiner Schuld bewusst
Ganz anderes der  zweite Täter,  Peter R., heute 69, ein ehemaliger Jesuitenpater und Religionslehrer. Auch in seinem Fall war das katholische Elitegymnasium in Berlin, an dem er Schüler sexuell missbrauchen sollte, nicht seine einzige Arbeitsstätte.  Nach der  Versetzung nach Göttingen  trug er Verantwortung für die Jugendarbeit in den Pfarreien der Stadt. Als die ersten sexuellen Übergriffe bekannt wurden, tauchte Peter R.  zunächst unter.  Danach hat er sich nach Mexiko abgesetzt und ist nach einigen Jahren wieder nach Deutschland zurückgekehrt.  Vom Orden beurlaubt, trennte er sich von diesem 1995 und arbeitete danach in der Diözese Hildesheim, wo er eine kirchliche Stelle innehatte.

Es sieht danach aus, dass die Liste der Täter noch lange nicht abgeschlossen ist: Insgesamt seien zwölf Jesuitenpatres namentlich beschuldigt worden. Bundesweit  hätten sich bis jetzt über 150 Missbrauchsopfer gemeldet. Das alles zeigt, dass das Ausmaß der Missbrauchsfälle an Jesuiten-Schulen größer ist als gedacht.

Genealogie der Aufdeckung
Die Missbrauchsfälle wurden der Öffentlichkeit vor einigen Wochen bekannt, nachdem der amtierende Rektor des Gymnasiums, Pater Klaus Mertes, Ende Januar einen Brief an fünfhundert  Schüler verschickte. In diesem Schreiben ging er auf die Vorkommnisse  der letzten Jahre ein und bat die einstigen Zöglinge der Schule um Vergebung. Auch gab er offen und mutig zu, dass die damalige Schulleitung Kenntnisse davon hatte, die Sache aber bewusst vertuschte.  „Wir haben nichts zu verschönern und können die Sache nicht klein reden“, war der Tenor der  Pressekonferenz, bei der Mertes und Provinzial Pater Stefan Dartmann SJ anwesend waren.

Zwischenbilanz
Die Reue, die von der jetzigen Schulleitung und den Vorgesetzten des Ordens gezeigt wird, ist eine Tatsache. Es stellt sich allerdings die brennende Frage, warum niemand das Leiden der Kinder gemerkt und diese  in Schutz genommen hat und warum nach der Aufdeckung der Fälle die Täter zwar versetzt wurden, dennoch weiterhin in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen  zu tun hatten. Auch wird man sich fragen müssen, warum das Schweigen so spät, nämlich erst nach vielen Jahrzehnten, durchbrochen wurde.

Mögliche Erklärungen für das Schweigen
Als eine mögliche Erklärung gibt Mertes im Gespräch mit den Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“  die „Kultur der Korporation“ an. Er selbst betrachtet seine Bestellung zum Rektor, die 1994 erfolgte, als besondere Auszeichnung. „Canisius“ war für ihn eine Institution umgeben mit dem Nimbus des besonderen Ruhmes,  eine Art Legende mit einem Heiligenschein. Die ersten Kratzer am glanzvollen Lack der Schule traten auf, als er vom sexuellen Missbrauch der Schüler Wind bekam. Allerdings hatte ihm erst 2006 ein Schüler „seine Geschichte“ anvertraut,  ihn jedoch zugleich, aus Angst vor der Bekanntgabe in der Öffentlichkeit, zum Schweigen verpflichtet. Der Geistliche hat dem zugestimmt und sein Wort gehalten. Nach 22 ähnlichen Geschichten brach er schließlich sein Schweigen.

Bischofskonferenz reagiert
Nach der Bekanntgabe der Vorkommnisse am Canisius Kolleg war die Öffentlichkeit schockiert und von Zorn erfüllt. Die katholische Bischofskonferenz hat reagiert und bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Freiburg, Ende Februar 2010, ein rasches Vorgehen bei der Aufklärung der sexuellen Missbrauchsfälle deklariert.   Für alle „Fragen im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger im kirchlichen Bereich“ wurde der Trierer Bischof Stephan Ackermann als bundesweiter Ansprechpartner  eingesetzt. Um das künftige Vorgehen bei Missbrauchsfällen zu regeln, haben die Bischöfe einen Vier-Punkte-Plan beschlossen. Konkret geht es um ehrliche Aufklärung, Überarbeitung der bisherigen Richtlinien, Prävention und die Einrichtung eines bundesweiten Büros für Missbrauchsfragen.

Finanzielle Hilfe wird abgelehnt
Die Einrichtung eines nationalen Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Mitarbeiter wurde allerdings entschieden abgelehnt. Die Entschädigung sei Sache der jeweils betroffenen Bistümer und Ordensgemeinschaften, erklärte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zöllitsch. Man werde außerdem über Unterstützungen der Opfer von Fall zu Fall entscheiden müssen. Finanzielle Hilfe sei schon, zum Beispiel in Form von Therapiefinanzierungen, geleistet worden – so der Sprecher der deutschen Bischöfe.

Kirchlich-poltische Krise
Die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) reagierte auf die Verlautbarungen der Bischöfe äußerst scharf und forderte von der katholischen Kirche den Zwang zur Anzeige. In einem ARD-Tagesthemen-Interview hatte sie Zweifel an der ehrlichen Kooperation der katholischen Kirche bei der Strafverfolgung von Missbrauchsfällen geäußert, was Zöllitsch‘s   Krisentelefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Folge hatte. In einer Verlautbarung warf Zöllitsch der Bundesjustizministerin die Behauptung falscher Tatsachen vor.  Zugleich stellte er der Ministerin ein Ultimatum, ihre Interviewäußerungen zum kirchlichen Missbrauchsskandal zu korrigieren. Niemals zuvor habe ein Mitglied der Bundesregierung eine „ähnlich schwerwiegende Attacke“ gegen die katholische Kirche geführt, sagte Zöllitsch vor Journalisten in Freiburg.

Auch wenn Kindesmissbrauch kein spezifisch kirchliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, wie der Rektor der Hochschule für Philosophie in München, Michael Bordt, bemerkte,  wird die katholische Kirche es aufgrund der schwerwiegenden sexuellen Skandale nicht leicht  haben, ihre Glaubwürdigkeit auf Dauer zu bewahren.

Autor: Tadeusz Prokop


 

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