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Evangelische Pfarrgemeinde Judenburg - Kirche mit Online-Gottesdienst

"Wie entsteht der Glaube?" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Donnerstag, den 17. März 2011 um 20:04 Uhr


Predigt von Tadeusz Prokop

Nur vier Schritte zu Gott?
Auf meinem Smartphone meldet sich immer wieder ein Portal, das mich danach fragt, ob ich etwas mehr über Gott erfahren möchte. Die Betreiber dieses Angebots kennen anscheinend die Gewohnheiten der Internet-Nutzer und sie wissen, dass der Köder dem Fisch schmecken muss, nicht dem Angler. Deshalb gibt es nur "vier Schritte zu Gott" wie es dort heißt. Die ersten drei beschäftigen sich mit der Frage  was Gott für uns getan hat. Der vierte Schritt soll dann zur Glaubensentscheidung führen. Er wird mit einem Gebet eingeleitet. Sollte der User dem folgen und trotzt der Warnung, ob man das Gebet wirklich gesprochen hat, die weitere Vorgangsweise mit einem „JA“ bestätigen, erscheint ihm eine freundliche Mitteilung, dass er nun zur Schar der Glaubenden gehöre und sein neues Leben mit Gott soeben begonnen habe.

Wie entsteht Glaube? Wir kennen es aus eigenen Familien, wie der religiöse Werdegang unterschiedlich ausfallen kann. In unserem unmittelbaren Umfeld erleben wir Menschen mit Gott, ohne Gott und manchmal auch gegen Gott.

Bertrand Russel war ein britischer Philosoph und Mathematiker. 1950 hat er den Nobelpreis für Literatur bekommen. Das Christentum hielt Russel für ein Übel und eine Krankheit. Seine Tochter Lady Katherine Tait-Russel ließ sich nach langer Zeit des Suchens taufen. Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie eine eifrige Missionarin in Afrika.

Ist Glaube nicht ein Geschenk?
Im Unterricht wird gelernt, dass Glaube ein Geschenk ist. Und es wird meist ähnlich auch von der Kanzel her gepredigt. War es nicht Luthers „revolutionäre“ Überzeugung, dass kein Mensch sich mit seinen Werken vor Gott rechtfertigen kann, sondern dass Gott allein ihn frei spricht? Und dass diese göttliche Gerechtigkeit nur dadurch zustande kommt, dass sie im Glauben an Jesus Christus als Geschenk verliehen wird?

Haben nicht andere Reformatoren gelehrt, dass die Erlösung und das ewige Leben ganz und gar Gottes Werk sind? War es nicht Paulus selbst, diese geniale Hauptfigur der „jungen Religion“, der Gottes Handlungsfreiheit klarstellte indem er über Gott sagt: "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und dessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich" (Römer 9,14,ff.)? Hat Gott nicht alle Macht, nach seinem Willen zu handeln, Menschen zu berufen oder auch nicht? Sein Volk zu „verstocken“ und die Macht, diejenigen, die nicht dazu gehörten, zu seinen Kindern zu machen (Römer 9,19-29)?

Gott will jedem Menschen Glauben schenken
Es ist tatsächlich so, dass Gottes Wege für den Menschen unfassbar sind und auch bleiben. Auch im Blick auf das Zustandekommen des Glaubens. Gott ist souverän und an menschliche Wünsche und Erwartungen nicht gebunden.

Allerdings können wir davon ausgehen, dass Gott jedem Menschen den Glauben schenken will. Es stimmt,  dass Gott  frei in seinem Handeln ist, wir Menschen sind aber  keine Marionetten in seiner Hand. Wir sind seiner Willkür nicht ausgeliefert.  Sollte Gott den Glauben demjenigen schenken, dem er will, wäre der Einsatz für das Evangelium sinnlos und man  könnte darin keinen Zweck außer Selbstzweck erkennen. Außerdem erfahren wir in der Bibel, dass Gott den Menschen als sein Gegenüber schuf mit dem er eine Beziehung eingehen möchte. Gott will mit  Menschen zusammen sein, sie kennen lernen und er hat einen Plan für sie. Er liebt sein Geschöpf bedienungslos und erwartet von ihm Liebe. Gott ist darum so leidenschaftlich bemüht, dass  er - wie es in der Schrift heißt -  auf unterschiedliche Art und Weise durch die Propheten gesprochen hat. Ganz zum Schluss hat er seine Absichten eindrucksvoll durch Jesus Christus mitgeteilt (Hebräer 1,1ff.)

Wenn Gott den Glauben  schenken will - und er will es - dann ist es demnach immer der Mensch, der diese Gabe annimmt oder zurückweist.

Was sind die wesentlichen Hindernisse dabei?

Hindernisse auf dem Glaubensweg
Dass für viele Menschen der Wohlstand mit der starken Fokussierung auf das Diesseits ein Hindernis ist, an Gott zu glauben, war bereits eine biblische Erfahrung.

Doch auch ein anderes Phänomen ist bei uns weit verbreitet: Viele Menschen würden gerne glauben, aber sie können es nicht. In ihrem Leben, meist in der Kindheit, ist im Bereich der Religion viel Schlimmes  vorgefallen, das ihnen den Blick auf Gott auch heute noch trübt. Es gab viel Zwang und Gewalt, und jede Menge falscher Einstellung, unwahrer Informationen und schlechter Vorbilder. Und viele haben begründete Schwierigkeiten mit den Kirchen. Die neueste Vertrauens-Studie des Gallup-Institutes zeigt, dass die Affären der letzten Jahre, allem voran der sexuelle Missbrauch der Kinder  für Kirchen gravierende Folgen haben. Auf der Werteskala zwischen 0 und 10 sind  sie mit knapp 4 Vertrauenspunkten bei den Österreichern unten durch. Weniger als der Kirche wird nur noch der Politik Vertrauen geschenkt.  Ist es dann so verwunderlich, dass Menschen echte Schwierigkeiten mit Glauben in christlicher Form haben? Das hat mit der Tiefenpsychologie viel zu tun und das Problem ist ernst zu nehmen ohne falsche religiöse Erhebung!

Doch die meisten Schwierigkeiten mit dem Glauben sind ganz anders begründet.

Ein alter Priester hat mir kürzlich eine seltsame Geschichte erzählt. Eines Tages wurde er ins Altenheim gerufen. Eine 94jährige Frau lag im Sterben. Aber vor lauter Angst konnte sie nicht sterben. Da legte sich der Priester behutsam auf das Bett, nahm die Hände der Frau, umarmte mit der anderen Hand den Kopf und begann leise die Lieder des Glaubens zu singen. Ganz langsam löste sich die Angst aus dem Gesicht der Frau, und es trat ein erlöstes Aufatmen ein. Während der Priester sang, schlief die Frau ein und ging von der Zeit in die Ewigkeit. Sie hatte das Gesicht eines glücklichen Kindes.

Diese alte Frau hat es in ihrem Leben nie gelernt, Gott zu vertrauen. Sie ist damit nicht allein. Viele Menschen haben Angst Gott zu vertrauen und sie fürchten sich vor  der existenziellen Hingabe an Gott. Sie denken, dass ihnen dadurch die Freiheit genommen wird und dass sie auf viel Gewohntes verzichten müssen.

Glaube ist aber vor allem Vertrauenssache. Würde Abraham nur an ein höheres Wesen glauben, das es da oben geben muss, würde er nie seine Heimat verlassen und das Abenteuer  einer Umsiedlung ohne Zielangabe nie riskieren.

Geschenkten Glauben vertiefen und wachsen lassen
In einem Gespräch sagte Billy Graham, dass er nie mit dem Verstand sich zu erklären versuchte, wie bei einem Menschen der Glaube an Gott entsteht. Er fügte hinzu: "Ich kann mir auch nicht erklären, wie eine braune Kuh grünes Gras frisst und dann weiße Milch hervorbringt!".

Deshalb muss die Frage nach der Entstehung des Glaubens ohne klare Antwort auskommen. Worauf es aber ankommt, ist der Versuch, den geschenkten Glauben zu vertiefen und zu stärken. Im Sinne der Menschen, die Jesus gefolgt sind und ihn gebetet haben: „Herr, stärke unseren Glauben“.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 23. März 2011 um 13:51 Uhr
 

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