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Predigt von Tadeusz Prokop
Störungen verunsichern Unser Thema macht den Eindruck als wären Störungen irgendwie gut. Störungen sind aber per Definition schlecht. Eine Störung bezeichnet eine unerwartete oder unerwünschte Abweichung eines regelmäßigen Vorgangs.
Vor einigen Tagen hatten wir einen totalen Stromausfall. Das hat uns anfangs gar nicht irritiert. Es darf mal vorkommen, dachten wir. Doch bereits nach einigen Minuten waren wir leicht beunruhigt. Zuerst hat meine Frau mit etwas hoher Stimme gemeldet, dass sie Internetunterbrechungen ganz schlecht aushaltet und schon gar nicht um 15 Uhr. Das ist in ihrem Tagesablauf die Zeit der Entspannung und Erholung. Wohlgemerkt: Die Batterie ihres Laptops verdient seit Monaten nicht mehr diese Bezeichnung. Dann kam unser Sohn aus der Schule. Seit mindestens 16 Stunden hat er nichts gegessen. Er verzichtet wie die meisten seiner Zeitgenossen auf Frühstück. Bereits beim Hereingehen gab es einen Großalarm - Bärenhunger! Doch ohne Strom müssen auch Bären auf den gewohnten Luxus verzichten und mal wieder etwas Kaltes verspeisen. Weitere Minuten ohne Strom gingen ins Land. Zum Schluss tauchte meine Frau in meinem Arbeitszimmer wieder auf und fragte herausfordernd, ob ich ein Mann sei und den Strom doch nicht irgendwie "reparieren" könnte.
Was hier recht harmlos erscheint, verunsichert, wenn der gewohnte Vorgang des Lebens im Ernstfall gestört wird. Wie soll es weiter gehen, wenn die Ehe bricht? Wenn jemand gemobbt wird, jemand Schwierigkeiten mit anderen hat? Wenn eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird? Wenn eine große menschliche Enttäuschung erfahren wird? Oder eine plötzliche Arbeitslosigkeit, ein schwerer Unfall, vielleicht der Tod eines nahestehenden Menschen? Krisen sind Symptome dafür, dass das, was unserem Leben Halt und Sinn gegeben hat, plötzlich den Bach runter zu gehen droht. Wir verlieren die Orientierung.
Störungen zerstören das Glück Störungen sind auch deshalb schlimm, weil Krisen unser Glück zerstören. Ein durchschnittlicher Österreicher hat statistisch die Chance, zwischen 63 und 70 Jahren im Glück zu leben. Das ist weltweit ein Spitzenwert, den nur noch Norweger und Australier erreichen. Ein Pole dagegen kann nach dieser Berechnung lediglich 48 Jahre seines Lebens glücklich sein. Die Ökonomie des Glücks zählt dabei einige "objektive Faktoren" auf wie materiellen Wohlstand, Gesundheit, politische Stabilität und Sicherheit, Familienleben, Klima, Beschäftigungsrate…
Störungen erschüttern zutiefst dieses Lebensgefühl. Das Vertrauen in sich selbst, in die Mitmenschen, in das Leben wird gestört. Diese zwei Welten, die glückliche auf der einen Seite und die andere, dunklere, auf der anderen Seite, scheinen nicht zusammen zu passen, miteinander nicht kompatibel zu sein.
Störungen bringen Leid mit sich Die meisten krisenhaften störenden Momente unseres Lebens sind tragisch. Es tut weh, wenn eine Krise über uns hereinbricht. Seelische und körperliche Schmerzen folgen und machen uns zu schaffen. Vor allem das "unverschuldete Leiden" bedeutet für uns eine große Herausforderung mit der wir nicht leicht fertig werden. "Warum gerade ich?". Ganz besonders wenn Kinder leiden oder sterben. Jemand sagte: "Eine Kinderträne wiegt mehr als die ganze Harmonie der Schöpfung". Nach der Katastrophe in Japan wurde ein völlig zerstörtes Dorf gezeigt. Ein Ehepaar hat seinen vermissten Sohn gesucht und dabei immer wieder den Namen des Sohnes ausgerufen. Nach einiger Zeit gaben die Eltern auf, saßen am Boden, weinten und heulten tief verzweifelt um ihr Kind.
Keine schnellen Glaubensantworten In der Anglikanischen Kirche wurde das Vaterunser- Gebet an einer Stelle verändert und zur Erprobung im Gottesdienst frei gegeben. Anglikaner dürfen nun Gott mit einer neuen Formel anrufen: „save us from the time of trial” - "Bewahre uns von der Probezeit". Sinngemäß bedeutet diese Formulierung, dass Gott uns von Leid, von Störungen und Krisen beschützen soll. Die übliche Wendung "Führe uns nicht in Versuchung" soll demnach auf einer Übersetzungsschwäche beruhen. Das griechische Wort "peirasmos" meint nämlich nicht "temptation" ,auf deutsch "Versuchung zur Sünde", sondern "Probe, Prüfung" in Verbindung mit "Leid". Gott möge uns also von Störungen und von Leid bewahren! Denn sie bedeuten Unglück!
Ich habe meine Zweifel, wenn jemand allzu schnell dazu neigt, dem Leid einen Sinn abzugewinnen. Wenn jemand gleich dabei ist, es religiös zu interpretieren, darin die Pädagogik Gottes für unser Leben zu sehen, oder in den schmerzhaften Stürmen unseres Lebens gar einen leidenden Christus entdeckt. Ob es einen Sinn für uns hat und was wir daraus lernen können, werden wir - manchmal mit Staunen - erst dann entdecken, wenn das Leid uns bereits verwandelt hat und wir ein Licht am Horizont unseres Lebens sehen. Wenn wir mit ihm versöhnt werden, es annehmen und alle Ängste, Schwierigkeiten und Klagen bereits ausgeschrien haben. Erst dann kann es sein, dass wir zurückschauen und die erlittenen Störungen uns lehren, unserem Leben einen neuen Kurs zu geben. Es neu zu schätzen beginnen und statt auf den (Lebens-)Wellen zu surfen, die Tiefen erforschen. Wobei das keine Regel ist. Krisen, Leid und Stürme können einen Menschen zermahlen, ihm den Rest seiner Menschlichkeit wegnehmen. Dann versteinert er, wird hart und für seine Umgebung schwierig zu ertragen.
Gott mit uns! Auf dem Weg nach Jerusalem hat Jesus das Leid nicht verherrlicht. Er spricht davon, dass er es ertragen muss. In Getsemani erlebt er Todesangst. Um am Kreuz die Verzweiflung der Sterbestunde. Nicht heroisches oder stilles Duldertum war seine Lehre, sondern wie man mit dem Leid fertig wird. Jesus wusste, dass er den Weg des Leidens gehen muss und dass Leid - wie in jedem menschlichen Leben - auch über ihn hereinbrechen wird. Dies war aber für ihn kein Fatum, kein unbarmherziges Schicksal, das wie das sprichwörtliche Damoklesschwert über dem Menschen hängt. Seine Erfahrung war die der Nähe Gottes. Anders als bei Soldaten der Wehrmacht, die den Spruch auf ihren Gürtelschnallen trugen, war ihm dieses "Gott mit uns!" eine tiefe Glaubenserfahrung mitten im Leid. Es ist die Grundbotschaft des christlichen Glaubens: Gott ist uns nahe wenn wir leiden, er rettet und erlöst. Gott hat ein Herz für Leidende, Weinende und Verfolgte. Wir tun uns oft schwer damit, daran zu glauben, weil er schweigt…Wie eindrucksvoll hat diese Wahrheit Paulus auf den Punkt gebracht, einer, der in seinem Leben so viel gelitten hat: "Denn obwohl uns die Schwierigkeiten von allen Seiten bedrängen, lassen wir uns nicht von ihnen überwältigen. Wir sind oft ratlos, aber nie verzweifelt" (2 Korinther 4,8)
Glaube vergoldet unser Leben In der französischen Stadt Colmar gibt es ein Museum mit einem aus dem Mittelalter stammenden Gemälde. Zu sehen sind drei Frauen, die auf dem Weg zu Jesu Grab sind. Die erste Frau ist die Liebe. Sie ist rot gekleidet. Sie verkörpert die Leidenschaft des Lebens, auch mit dunklen Sturmwolken. Die zweite Frau heißt Hoffnung. Sie ist grün gekleidet. Sie besitzt die Fähigkeit, das Geheimnis des Lebens zu durchblicken und nach vorne zu schauen. Erst ganz zum Schluss sehen wir den Glauben, der goldene Kleider trägt. Das Leben und die Hoffnung haben der dritten Frau, dem Glauben, den Weg gebahnt. Das Leben bringt Störungen mit sich. Es ist gut, wenn ein Mensch daran nicht zerbricht, sondern mit der Kraft der Hoffnung überwindet. Aber erst der Glaube lässt alles in Gold erscheinen und macht unser Leben goldwert.
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